Exkursion des Sozialkunde-Leistungskurses zum Bundestag

von Tina Scheuermann und Nele Gartzlaff

Der Bundestag ist das Herz der politischen Entscheidungsfindung in Deutschland. Seit 1949 ist er ein Ort des Austauschs politischer Interessen und der Mitbestimmung – eine Institution, die uns als Gesellschaft repräsentiert und Freiheit, Frieden und Diplomatie mithilfe der wehrhaften Demokratie verteidigt.

Viele sagen heutzutage, dass die Politik „von oben“ kommt und es zu wenig Mitbestimmung gibt. Doch wir konnten uns vom Gegenteil überzeugen, denn wir haben das politische Geschehen im Bundestag live miterlebt. Es ist viel komplexer, anstrengender und verzweigter, als man manchmal denkt und in den Medien sieht. Seid gespannt, was uns erwartet hat.

Wir waren da: Der Sozialkunde-Leistungskurs der Klasse 11, drei Schüler*innen des Sozialkundekurses aus der Jahrgangsstufe 12, Frau Lutz-Auras, Herr Schlicht, Frau Gundlack und eine Gruppe von Senior*innen sind am Freitag, den 17.04.2026, vom ZOB Wismar zum Reichstagsgebäude nach Berlin gefahren. Voller Vorfreude, Interesse und noch mit leichter Müdigkeit ging es um Punkt 7:00 Uhr los.

Auf der Fahrt wurde gequatscht, diskutiert und spekuliert: Wie wird es dort wohl sein und mit welchen neuen Eindrücken und Meinungen werden wir das Gebäude wieder verlassen?

Angekommen im Berliner Stadtverkehr gab es bereits einiges zu sehen. Der Busfahrer Tom berichtete uns Interessantes aus seiner langjährigen Berufserfahrung. Wusstet ihr zum Beispiel, dass es, wenn die Straße des 17. Juni wegen besonderer Anlässe gesperrt ist, ein riesiges Bus-Chaos gibt und sie während der WM mit Kunstrasen ausgelegt wurde? Außerdem erzählte er uns, dass nahe der ehemaligen Grenze die Straßenverläufe extra kurvig und verwirrend gebaut wurden, um schnelles Fahren zu verhindern.

Unser Weg zum Reichstagsgebäude führte vorbei am Charlottenburger Schloss, dem Schloss Bellevue, wo der Bundespräsident seinen Sitz hat, dem Brandenburger Tor, der Siegessäule sowie dem Kanzleramt, der Spree und der Kita des Bundestages – ja, es gibt tatsächlich einen Kindergarten für die Kinder der Mitarbeiter. Immer wieder sahen wir den Streifen der ehemaligen Mauer, auf den uns der Busfahrer aufmerksam machte.

Der Busfahrer kurvte uns souverän durch den chaotischen Verkehr in Berlin, während er uns humorvoll das Regierungsviertel vorstellte. An dieser Stelle schon einmal vielen Dank für diese entspannte und interessante Fahrt, lieber Tom.

Und schon waren wir da – die Spannung stieg. Wir hielten vor dem Paul-Löbe-Haus und mussten zunächst durch den Security-Check. Wir alle, und besonders Herr Schlicht, waren verständlicherweise ziemlich aufgeregt.

Dann durften wir mit tollem Blick und einer Auswahl aus drei Gerichten im Paul-Löbe-Haus zu Mittag essen. Dabei wurden wir auf das richtige Verhalten und die Regeln hingewiesen. Besonders im Plenarsaal gilt: nicht klatschen, keine politischen Botschaften, Ruhe und Handys aus!

Aber erst einmal hieß es warten. Das war jedoch gar nicht so schlimm, da man den Saaldienern, die uns die Plätze zuwiesen, Fragen zum Bundestag stellen konnte und wir tolle Gespräche untereinander geführt haben, wodurch die Zeit wie im Flug verging.

Auf der Zuschauertribüne des Bundestages durften wir, nachdem wir durch den Tunnel vom Paul-Löbe-Haus dorthin geführt wurden, eine Plenarsitzung über die militärische Eskalation und die humanitäre Notlage im Libanon miterleben.

Die Meinungen waren zwar alle sehr ähnlich, aber wir erlebten, wie unterschiedlich Politiker Stilmittel gezielt einsetzen oder sich auch mal versprechen (und der Bundestagsvizepräsident mit „Bundestagspräsidentin“ angesprochen wurde). Von einigen wurde die Lage durch persönliche Eindrücke emotional dargestellt und stark zugespitzt, bei anderen waren die Reden eher nüchtern und weniger mitreißend. Dabei kam deutlich zum Ausdruck, wie unterschiedlich Aussprache, Mimik und Gestik waren, wodurch ähnliche Sachverhalte ganz verschieden dargestellt wurden.

Am Ende kamen die Parteien zu ähnlichen Ergebnissen, darunter die Notwendigkeit einer Entwaffnung der Terrororganisation Hisbollah und ein Ende der israelischen Luftangriffe auf den Libanon. Auf einer der Zuschauertribünen war auch die libanesische Botschafterin, Abir Ali, anwesend.

Unsere Blicke waren während der Reden immer wieder auf die Saaldiener im Plenarsaal gerichtet, die blitzschnell nach jedem Redner die Gläser austauschten. Dabei wunderten wir uns, woher sie die ganzen Gläser nahmen – das wissen wir bis heute nicht. Jedoch wissen wir jetzt, dass die Saaldiener deutlich mehr Aufgaben haben, als man denkt, wie z. B. Nachrichten zu überbringen, das Mikrofon anzupassen und vieles mehr. Sie sind ein eher unsichtbarer, aber wichtiger Teil des komplexen Tagesablaufs im Bundestag.

Nach diesen interessanten Beobachtungen sollte es zum Austausch mit Frank Junge gehen, der jedoch leider nicht mehr vor Ort war. Stattdessen wurden wir von einem seiner wissenschaftlichen Mitarbeiter empfangen, der uns einen Einblick in seine tägliche Arbeit gab. Alessandro Campione bot uns direkt das sozialdemokratische „Du“ an und beantwortete wortgewandt und voller Euphorie unsere Fragen – obwohl er zu diesem Zeitpunkt bereits davon ausging, seine Arbeit zu verlieren, sobald Frank Junge zum Bürgermeister von Wismar gewählt wird.

Eine Frage war, ob es überhaupt demokratisch sei, mitten in einer Legislaturperiode sein Bundestagsmandat abzugeben. Darauf antwortete Alessandro, dass es sich um einen normalen politischen Prozess handele. Dennoch sei es legitim, die Entscheidung zur Kandidatur kritisch zu sehen, da er für die Interessenvertretung im Bundestag gewählt worden sei. Hier wurde deutlich, dass Politik oft einem schnellen Wandel unterliegt.

Eine weitere Frage war, wie der Alltag eines Abgeordneten aussieht. Die Arbeit von Frank Junge ist geprägt durch Sitzungswochen in Berlin und Wahlkreiswochen in Mecklenburg-Vorpommern und umfasst Haushalts- und Finanzpolitik, Ausschusssitzungen, Arbeitsgruppen und Plenardebatten sowie den intensiven Austausch mit Bürgern. Als Abgeordneter seit 2013 engagiert er sich besonders für Tourismus, Finanzen und den Haushalt.

Nach diesem interessanten Tag beendeten wir unsere Tour mit dem Besuch der Reichstagskuppel. Von dort aus hatte man einen wunderschönen Blick über ganz Berlin. Es ist wirklich beeindruckend, was man von dort aus alles sehen kann: die Charité, Botschaften, eine Imkerei und vieles mehr.

Ein Moment, der uns besonders in Erinnerung bleiben wird, war der Toilettenbesuch, bei dem wir ganz ordentlich und professionell von Toilettenzuordnerinnen begleitet wurden – etwas skurril, aber passend zum Bundestag.

Mit dem Aufzug ging es wieder nach unten und hinaus aus dem Reichstagsgebäude. Vor dem riesigen Gebäude, in dem so viel entschieden wird, fühlte man sich plötzlich ganz klein. Gleichzeitig wurde uns bewusst, wie viel man als Gemeinschaft erreichen kann, wenn man konstruktiv zusammenarbeitet, Kompromisse findet und gemeinsam Entscheidungen trifft.

Und plötzlich war der Tag, auf den wir uns so lange gefreut hatten, auch schon vorbei. Wir saßen im Bus nach Hause – etwas mehr als Kurs zusammengewachsen, in Gedanken versunken, voller neuer Eindrücke und etwas erschöpft.

An diesem Tag haben wir mit ganz anderen Methoden gelernt als sonst. Jetzt wissen wir, dass Politik oft hinter verschlossenen Türen stattfindet, die Debattenkultur weniger verroht ist, als man manchmal denkt, Politiker auch nur Menschen sind und deutlich mehr Akteure beteiligt sind, als man vermutet. Eine große Rolle spielt dabei – wie wir gelernt haben – auch „Vitamin B“ (Beziehungen im Hintergrund).

Also nicht verzweifeln: Politik kommt nicht nur „von oben“. Sie ist vielschichtiger, als man denkt, und auch unsere Meinungen werden berücksichtigt.

Ein großes Dankeschön geht an Herrn Schlicht und Frau Lutz-Auras, die diese Fahrt ermöglicht und unseren politischen Horizont erweitert haben. Außerdem danken wir Frau Gundlack für die Begleitung und Alessandro für das spannende Gespräch. Der Tag wird uns noch lange in guter Erinnerung bleiben und bei dem einen oder anderen das Interesse an Politik weiter verstärkt haben.